Schichtwechsel eröffnet Chancen auf dem Arbeitsmarkt
Foto: Nadine Zimmermann
Die bundesweite Aktion Schichtwechsel ermöglicht Menschen mit Behinderung wertvolle Einblicke in den ersten Arbeitsmarkt. Durch die enge Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Unternehmen können daraus langfristige berufliche Perspektiven entstehen.
Der Tag für Lukas Kurr beginnt heute nicht in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) sondern schon 07:15 Uhr im DHL Fracht- und Logistikcenter in Koblenz, wo er gemeinsam mit seinem Vater Pakete in den Transporter lädt. Markus Kurr ist bereits seit 42 Jahren bei der DHL Paket GmbH, damals auch bei der Deutschen Post, angestellt. Sein Sohn nimmt heute am bundesweiten Aktionstag Schichtwechsel teil. Ausgestattet mit T-Shirt, Jacke und Arbeitsschuhen freut er sich auf einen arbeitsreichen Tag. Seine Aufgaben sind das Verladen, Scannen und Ausliefern der Pakete. Die Route, die sein Vater jeden Tag fährt, umfasst rund 60 km und beliefert das Neuwieder Stadtgebiet und das Umland. Es geht zu Privatkunden und zu DHL-Packstationen. Lukas ist Beschäftigter bei der Kompetenzwerkstatt Neuwied (KWN) im Bereich Aktenvernichtung. Auch hier ist er ab und an bei Dienstfahrten mit unterwegs. Heute aber ist es eine andere Route, verbunden mit einer neuen Aufgabe.

Der bundesweite Aktionstag Schichtwechsel, den die Heinrich-Haus gGmbH aufgrund der hohen Nachfrage von Unternehmen und Werkstattbeschäftigten zu einer Woche im September (und Tage darüber hinaus) ausgeweitet hat, zeigt zahlreiche solcher Beispiele. Aus den Werkstätten (WfbM) und Betrieben der Heinrich-Haus gGmbH entschieden sich in diesem Jahr 57 Beschäftigte für einen Tausch des Arbeitsplatzes auf den ersten Arbeitsmarkt. Für manche ist es eine Chance etwas Neues zu lernen, für andere wiederum ist es noch eine Herausforderung sich der neuen Aufgabe zu stellen. Unterstützt von Integrationsbegleitern wird es für alle Beteiligten eine Bereicherung. Insbesondere die Mitarbeitenden der teilnehmenden Unternehmen, die diese Praktikumsplätze zur Verfügung stellen, erhalten durch Gespräche ein besseres Verständnis für die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung. 
„Für mich waren es vor allem die vielen kleinen Schlüsselmomente, die diese Woche besonders gemacht haben. Wir haben miteinander gearbeitet, uns ausgetauscht und eine gute Zeit gehabt – ohne dass Behinderung eine Rolle spielte. Genau das bedeutet für mich Inklusion: Unterschiede nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sondern selbstverständlich miteinander zu arbeiten und voneinander zu lernen“, so Alexander Ploch, Personalmanagement bei der Abfallwirtschaft Landkreis Neuwied, AöR. Die Abfallwirtschaft ist eines von 30 Unternehmen, das in diesem Jahr am Schichtwechsel teilnimmt. Bereits seit Jahren engagiert sich die AöR mit Praktikumsplätzen für Menschen mit Behinderung und sieht die Potenziale, die jeder einzelne mitbringt. In der Aktionswoche zum Schichtwechsel hat die Abfallwirtschaft neun Beschäftigten einen Tauschplatz vermittelt und selbst mit 17 Teilnehmern das Heinrich-Haus besucht. 

Der bundesweite Aktionstag Schichtwechsel ermöglicht Menschen mit Behinderung eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt. Foto: Nadine Zimmermann

Auch Benedikt Stollhof, Geschäftsführer der Orthopädiewerkstatt Sauer und Knorr, möchte auf das Thema Inklusion aufmerksam machen. Als Mitglied beim BNI Chapter Rhein-Wied, lädt er Willi Klein, der dieses Jahr den Schichtwechsel in seinem Unternehmen macht, kurzerhand ein am Netzwerktreffen teilzunehmen und gibt ihm die Möglichkeit sich den teilnehmenden Vertretern regionaler Unternehmen vorzustellen und vom Schichtwechsel zu erzählen. „Es braucht Fürsprecher aus der Wirtschaft, dem Handwerk und Institutionen, die von ihren Erfahrungen erzählen und damit weitere Unternehmen dazu motivieren, Menschen mit Behinderung eine Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen“, sagt Thomas Becker, Integrationsmanager der Heinrich-Haus gGmbH. „Das sich in diesem Jahr so viele Unternehmen beteiligten, lag an unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich das ganze Jahr mit Unternehmen austauschen“, ergänzt er. Dieses Engagement führte dazu, dass aus den kurzen Schichtwechsel-Einsätzen bereits längerfristige Praktika und Außenarbeitsplätze entstanden sind. 
Folgende Unternehmen haben 2026 am Schichtwechsel teilgenommen: Abfallwirtschaft Landkreis Neuwied AöR, APA Brands Events Solutions GmbH & Co.KG , ASG Ingenieure GmbH, Barmherzige Brüder Saffig Seniorenzentrum, D+E GmbH, DGS Getränkemarkt, DHL Paket GmbH, Eaton Industries GmbH, Edeka Kreuzberg Koblenz, Eiscafe Peccati di Gola, Ev. Kindertagesstätte Waldmeister Straßenhaus, IBEDA Sicherheitsgeräte und Gastechnik GmbH & Co. KG, Integrative Kindertagesstätte "Kinderland" des HTZ Neuwied, Kalenborn Kalprotect GmbH & Co. KG, Kindertagesstätte "Strünzer Pänz" der Stadt Linz, Krüger Werbetechnik, Meier KG, Oskar Pahlke GmbH, Polizeiinspektion Straßenhaus, RVT Rheinische Verbindungstechnik Simonis e.K., Sauer & Knorr Orthopädietechnik, Stadtverwaltung Neuwied, Verbandsgemeinde Bad Hönningen, Verbandsgemeinde Rengsdorf Waldbreitbach, Wiedtalbad Hausen, Wirtgen Group
Auch Vertreter aus der Politik engagierten sich jedes Jahr: Bürgermeister der Stadt Neuwied Peter Jung; Bürgermeister der Verbandsgemeinde Rengsdorf-Waldbreitbach Pierre Fischer; Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bad Hönningen Jan Ermtraut.
Auf der Website https://heinrich-haus.de/schichtwechsel finden sich Informationen sowie Erfahrungsberichte. Der „Schichtwechsel“ ist ein bundesweiter Aktionstag der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e.V. (BAG WfbM) und findet jährlich statt. 2027 findet der Schichtwechsel am 23. September statt.
Die Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald und das Heinrich-Haus laden am 27. Oktober 2026 von 17 bis 19 Uhr interessierte Arbeitgeber zur Veranstaltung „Fachkraft Inklusiv“ ins Berufsbildungswerk Neuwied ein. Die Veranstaltung zeigt praxisnah, wie die Beschäftigung qualifizierter Menschen mit Behinderung in Betrieben gelingt, worauf es dabei ankommt und wieso Inklusion ein Gewinn für alle Beteiligten ist.