Bericht über die Gedenkstunde der Engerser Initiativgruppe „Gedenkort Engers“ zum 81. Jahrestag  der Befreiung vom Nationalsozialismus am 8. Mai 1945

Text und Foto: Günther Salz
.Am Freitag, dem 8. Mai 2026 hatte sich auf Einladung der Engerser Initiativgruppe „Gedenkort Engers“ eine kleine Gruppe Engerser und Neuwieder MitbürgerInnen im Evangelischen Gemeindehaus Engers zum Gedenken an den 8. Mai 1945 eingefunden.
Nach der Begrüßung der TeilnehmerInnen durch den Sprecher der Initiativgruppe, Günther Salz,
leitete der Liedermacher, Sänger und Gitarrist Manfred Pohlmann mit dem Antikriegslied „Es ist an der Zeit“ in das Thema der Gedenkstunde ein. Günther Salz erinnerte an die Befreiung von Engers durch amerikanische Truppen im März 1945 und an die mehrdeutige Stimmungslage der deutschen Bevölkerung im ehemaligen „Reich“. Nur wenige Zeitgenossen hätten das Kriegsende als Befreiung empfunden.

Die Mehrheit sei nach dem Platzen der Großmachtträume von ihrem „Führer“ enttäuscht gewesen und habe sich in Selbstmitleid ergangen, führte Salz aus. An den Holocaust und die Schreckenstaten von Wehrmacht und SS mochten die Deutschen nicht erinnert werden. Dabei diente ihnen das ruhelose Aufräumen und „Wieder-Aufbauen“ als Ablenkung von der Schuldfrage. So sei „die Geschäftigkeit zu ihrer Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden“, habe die jüdische Philosophin Hannah Arendt bei ihren Deutschlandbesuchen nach dem Krieg 1949/50 festgestellt, erläuterte Salz.
Unter diesen Umständen habe man jahrzehntelang große Mühe bei der „Aufarbeitung der Vergangenheit“ gehabt. Erst die historische Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 habe einen Neuaufbruch in Sachen Erinnerung und Aufarbeitung bewirkt. Nicht mehr die militärische Niederlage, sondern die Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten solle künftig im Mittelpunkt stehen. Um dies zu verdeutlichen, wurde ein kurzer Mitschnitt der Rede gezeigt, in der Richard von Weizsäcker sagt: „Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfeiern zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“
Nach dieser Darstellung setzten sich die Mitglieder der Initiativgruppe kritisch mit der aktuellen geopolitischen Situation und der Politik der „Zeitenwende“ auseinander, die von gesteigerter Wehrbereitschaft bis hin zu neuer „Kriegstüchtigkeit“ geprägt ist.
Zuerst stellte Helmut Gelhardt den Aufruf der österreichischen „Nußdorf-Gemeinde“  „Friedens-fähig statt kriegstüchtig. Pladoyer für einen Abschied vom Wahnsinn des Krieges“ vor. Darin warnt die Gruppe vor einer Rechtfertigung des Krieges als unumgänglicher Möglichkeit der  Konflikt-lösung: „Durch den Krieg, und zwar jeden Krieg und überall, werden die ansonsten so oft und gerne beschworenen ethischen Grundorientierungen und Werte der menschlichen Gesellschaft endgültig zu Grabe getragen. Was kein Mensch in Friedenszeiten darf und zu Recht unter Strafe steht, wird ihm im Kriegsfall sogar befohlen: Andere Menschen zu töten.“

Anschließend informierte Pfarrerin Natalie Wilcke über die Kernpunkte der neuen Friedensdenk-schrift der Evangelischen Kirche Deutschlands: Ziel der ethischen Überlegungen sei es, „sowohl dem christlichen Ideal der Gewaltfreiheit als auch den komplexen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen angesichts der aktuellen Weltlage gerecht zu werden.“ Man vollziehe damit einen Balanceakt zwischen dem christlichen Ideal und der Anerkennung der Tatsache, dass zum Schutz vor Gewalt notfalls auch Gegengewalt nötig sei. Dabei bleibe Jesu Botschaft der Gewalt-
losigkeit im Zentrum christlicher Ethik.  
Danach verlas Heinz Briese einen Auszug aus dem letzten Buch des verstorbenen Papstes Franziskus mit dem Titel „Hoffe“. Darin heißt es: „Krieg ist nur ein Wahnsinn, der die ‚Händler des Todes’ mästet und die Unschuldigen dafür bezahlen lässt.“ Demgegenüber spreche sich der Papst dafür aus, die Beziehungen zwischen Staaten nicht durch Waffen zu regeln, sondern nach den Prinzipien der Vernunft, was Wahrheit, Gerechtigkeit und vertiefte Zusammenarbeit bedeute.
Hiernach machte Angelika Gelhardt die ZuhörerInnen mit der beeindruckenden Klage- und Mahnrede des neapolitanischen Kardinals Battaglia an die besagten „Händler des Todes“ bekannt.
Darin heißt es sehr direkt und konkret: „an euch, die ihr mit dem Blut der Menschen handelt,
an euch, die ihr eure Gewinne zählt, während Mütter ihre Kinder zählen, an euch, die ihr das, was das Evangelium als Skandal bezeichnet, als ‘Strategie’ bezeichnet, an euch richte ich Worte, die nicht aus der Diplomatie entspringen, sondern aus der Wunde.“
Kardinal Battaglia bittet die Profiteure von Kriegen eindringlich, innezuhalten und umzukehren. Er bittet sie anzuerkennen, dass menschliches Leben heilig ist, sonst höre es auf, menschlich zu sein. Umkehr bedeute auch, „der Logik des Profits zu entsagen und sich der Logik des Schutzes zuzuwenden.“ „Ihr müsst wieder Menschen werden“, ruft Battaglia den „Händlern des Todes“ zu.
Gegen Ende der Gedenkstunde widmet sich Manfred Pohlmann mit dem Lied „Leben einzeln und frei“ einer befreienden Vision zu, nämlich einzeln und frei wie ein Baum und dabei brüderlich wie ein Wald zu leben, also Individualität mit Solidarität zu verbinden.  
Mit einem Friedenssegen von Pfarrerin Natalie Wilcke und einem gemeinsamen Friedenslied endet die Gedenkstunde der Initiativgruppe „Gedenkort Engers“.