Die Teilnahme Gerhard Schröders an der Geburtstagsfeier des russischen Präsidenten Wladimir Putin erregt beträchtlichen Unmut. Dass Gerhard Schröder Bundeskanzler war, ist indes über zwanzig Jahre her. In den Analysen von zwischenzeitlichen SPD-Pleiten bei Wahlen spielt er keine Rolle. Bester Beweis, einen Monat nach dem Überfall Wladimir Putins auf die Ukraine schaffte die SPD im Saarland sogar die absolute Mehrheit. Wenn Schröder, dieser Solitär, für den sich in Wirklichkeit kein Sozialdemokrat rechtfertigen muss, nicht gerade den Mindestbeitrag eines Parteimitglieds in prekären Verhältnissen zahlt, sondern beim Mitgliedsbeitrag halbwegs korrekt seine finanziellen Verhältnisse zugrunde legt, kann er doch einfaches SPD-Mitglied bleiben. In allen Parteien gibt es (nicht nur) unter den einfachen Mitgliedern viele schräge Vögel. 

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beschäftigte sich mit der Nähe und Ähnlichkeit zwischen Mitgliedern einer sozialen Klasse. Wladimir Putin ist genauso wie Gerhard Schröder ein Straßenjunge, der sich einerseits durch Hemdsärmeligkeit und andererseits durch überzogene Empfindlichkeit auszeichnet. So ist es wohl auch kein Zufall, dass Putin und Schröder ob vergleichbarer Kindheit Freunde geworden sind. Bei der Freundschaft zwischen Fidel Castro, der Identifikationsfigur der kubanischen Revolution, und dem Spanier Manuel Fraga Iribarne, dem ehemaligen Minister Francos und späteren konservativen Politiker, findet sich jenseits ideologischer Differenzen in demselben Maße Verbindendes: eine fromme Mutter und Erziehung durch Jesuiten, aber auch geteilte philosophische Grundüberzeugungen. Erstaunlich erscheint sodann die Freundschaft zwischen der Grünen Claudia Roth und dem CSU-Politiker Günther Beckstein. So sagte er: „Alle Meinungen, die Claudia vertritt, halte ich für falsch.“ Und sie sagte: „Geht mir genauso mit dir.“ Hier scheint das Verbindende eine gemeinsame positive Selbstwahrnehmung im Sinne von Toleranz zu sein. Um zu verstehen, ist es mitunter sinnvoll, über den Tellerrand des eindimensional-politischen Bezugsrahmens zu schauen.