Digitalisierung wird zum Schlüssel für den Ausbau zur Integration von Wärmepumpen und Elektromobilität
26.06.2026
Neuwied. Die Stadtwerke Neuwied (SWN) haben ein umfassendes Digitalisierungsprojekt für ihr Stromnetz gestartet. Ziel ist der wirtschaftliche, gezielte und schrittweise Ausbau des Netzes. Durch moderne Messtechnik und digitale Modelle sollen Netzbelastungen künftig präzise erfasst und bewertet werden können.
„Die Energiewende verändert die Anforderungen an unsere Stromnetze deutlich", erklärt Geschäftsführer Stefan Herschbach. „Früher floss Strom in der Regel in eine Richtung: vom Netz zum Haushalt. Heute speisen viele Haushalte mit ihren PV-Anlagen Strom ein. Gleichzeitig steigt der Leistungsbedarf durch Wärmepumpen, Wallboxen oder Elektroautos. Das verändert die bisherigen Planungen und den Ausbau grundlegend."

Das Neuwieder Stromnetz besteht aus mehreren Ebenen: Zwei 110-kV-Übergabestationen versorgen das Netz mit Strom, ein 20-kV-Netz mit rund 370 Stationen verteilt diesen innerhalb Neuwieds, während die Niederspannungsebene den Strom auf 400 Volt beziehungsweise 230 Volt transformiert und bis in Haushalte und Betriebe weiterleitet.

Im Bereich der Mittelspannung verfügen die SWN bereits über eine solide Datengrundlage. „Von unseren rund 370 Stationen sind etwa 70 mit moderner Messtechnik ausgestattet. Diese liefert uns fortlaufend Daten zur aktuellen Netzauslastung", erklärt Marcel Schudt, Projektleiter für die Digitalisierung der SWN-Stromnetze. Die Messwerte werden im zentralen Leitsystem erfasst und ausgewertet. Dadurch können Netzbelastungen deutlich besser beurteilt werden als früher.
 


Die Stadtwerke haben auf ihrem Gelände bereits 30 Ladepunkte für Elektroautos installiert. Ladestationen, PV-Anlagen und Wärmepumpen brauchen ein stärkeres Stromnetz: Die SWN bauen ihres auch aus, aber sehr gezielt. 

Anders stellt sich die Situation im Niederspannungsnetz dar, wo Haushalte und kleinere Gewerbekunden angeschlossen sind. Hier sind die Einblicke in die tatsächlichen Lastflüsse bislang noch begrenzt. Schleppzeiger sind mechanische Messgeräte und zeigen den höchsten gemessenen Wert innerhalb eines Zeitraums an. „Ob das nur kurz der Fall war, ob es regelmäßig vorkam oder ob Strom bezogen oder eingespeist wurde, bleibt offen", so Schudt. Gerade für die Integration von Wärmepumpen, Ladeeinrichtungen, Stromspeichern und Photovoltaikanlagen sind diese Informationen jedoch entscheidend.
Um die bisher nur eingeschränkt sichtbaren Bereiche besser zu verstehen, haben die SWN ein mehrstufiges Projekt zur Digitalisierung des Niederspannungsnetzes gestartet. Bereits vorliegende Daten werden für ein belastbares digitales Abbild des Niederspannungsnetzes zusammengeführt. Alte Messtechnik wird durch neue Systeme ersetzt, die Ströme, Art und Dauer von Netzbelastungen genau anzeigen. Die Daten werden mit einem Netzmodell verknüpft. Dadurch können Belastungen, Spannungsgrenzen und auffällige Entwicklungen deutlich früher erkannt und besser bewertet werden.
„Perspektivisch kommen intelligente Messsysteme hinzu, die Verbrauchsdaten digital übermitteln und Signale zur Steuerung von angeschlossenen Geräten liefern können", so Schudt. Dies ist auch vor dem Hintergrund neuer Regelungen der Bundesnetzagentur für steuerbare Verbrauchseinrichtungen erforderlich. Diese betreffen insbesondere private Ladeeinrichtungen für Elektroautos, Wärmepumpen, Klimageräte und Stromspeicher.
Die SWN setzen nicht auf überstürzte Einzelmaßnahmen, sondern auf eine vorausschauende und wirtschaftlich sinnvolle Weiterentwicklung des Netzes. „Nur wenn Netzausbau und Digitalisierung zusammen gedacht werden, kann die Energiewende vor Ort sicher, wirtschaftlich und verlässlich umgesetzt werden", sagt Herschbach. Die Planung erfolgt nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern mit Blick auf die tatsächliche Entwicklung im Netz.