In einem Podcast-Interview nannte der AfD-Politiker Björn Höcke eine aus seiner Sicht wichtige Ursache für gesellschaftliche Polarisierung und Ost-West-Unterschiede: "Im Osten sind die Menschen noch Deutsche, im Westen haben sie über Jahrzehnte eine Ersatzidentität gefunden und haben sich von der amerikanischen Kultur völlig usurpieren lassen." Das sorgt für Verstimmung in der AfD selbst und bringt den CDU-Politiker Philipp Amthor dazu, weil Höcke gesagt hat, im Westen Deutschlands gebe es "deutsch sprechende Amerikaner", während im Osten "deutsch sprechende Deutsche" lebten, diesen als einen "dünnbrettbohrenden Schwachkopf" zu beleidigen. Das stimmt aber nicht. Höcke ist kein Schwachkopf. 

Zum einen hat seine Einlassung eine eindeutige taktische Komponente. Für das Bestreben der AfD, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bei den Landtagswahlen zu reüssieren, ist es nicht schlecht, die ostdeutsch-nationale Seele zu streicheln. Zum anderen ist das Gesagte aber auch in gewisser Weise ehrlich. Björn Höcke steht dem Verleger Götz Kubitschek und der im „Think Tank der Neuen Rechten“ im sachsen-anhaltischen Schnellroda propagierten völkischen Ideologie sehr nahe. 

Für die in diesem Umfeld wirkenden intellektuellen Rechtsextremisten gilt etwa, eine Diktatur könne nur einen einzelnen Menschen vernichten, Dekadenz jedoch vernichte die Überlebenschancen als Volk. Und Dekadenz wird mit Amerika in Zusammenhang gebracht. Kaum jemand weiß, dass damals bei Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) über die Alternative Pegada (Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes) nachgedacht wurde. Amerikanisierung (das war vor Trump) steht in diesem Spektrum für Dekadenz und Verweichlichung, während der Islam in der Perspektive der intellektuellen Rechtsextremisten und der Identitären Bewegung wegen seiner bewiesenen Herrschaftsgewalt eigentlich ein Bündnispartner des deutschen Rechtsextremismus sein könnte. Der von den Identitären propagierte Ethnopluralismus besagt ja, dass jede Kraft sich in ihrem Herrschaftsbereich entfalten sollte. Und dagegen werde durch die Zuwanderung von Muslimen nach Europa und nach Deutschland verstoßen. Wegen dieses „Verrats“ sei der Islam dann doch kein Bündnispartner. 

Insofern passt und klappt die Positionierung der AfD gegen muslimische Migranten, was ja im Übrigen den nichtintellektuellen Anhängern auch einfacher zu vermitteln ist. Mit den Gedankengängen etwa von Alain de Benoist, dem französischen Vordenker und führenden Kopf der Neuen Rechten, wäre die AfD nämlich nicht so erfolgreich, wie sie ist, weil dessen Reflexionen für die breite Masse der Parteimitglieder und Sympathisanten einfach zu anstrengend wären. Auf Facebook verschärft die Neuwieder AfD zurzeit die antimuslimische Agitation. Nun ja, ich weiß es letztlich nicht, ob ich vielleicht zu überheblich bin und die intellektuelle Kompetenz der Neuwieder AfD-Aktiven unterschätze, aber irgendwie glaube ich abschließend doch, dass sie Björn Höcke inzwischen zwar nahe sind, ihn aber nicht wirklich verstehen.