Es reicht frei nach Franz Müntefering Volksschule Sauerland, um auszurechnen, dass eine CDU/Grünen/SPD-Konstellation schon bei der geheimen Wahl des Regierenden Bürgermeisters von Berlin bei nur zwei Sitzen über der absoluten Mehrheit scheitern dürfte. Die einzige Gewissheit wäre dann, dass Bundeskanzler Friedrich Merz nicht erklären würde, er halte eine False-Flag-Aktion für möglich, mit der in Wirklichkeit CDU-Abgeordnete die Wahl ihres Regierungschefs verhindern wollten. Aber auch das könnte man im vom Gouverneur von Süd-Kanada, Donald Trump, eingeleiteten Zeitalter des kreativen Blödsinns, die freundliche Umschreibung auch von Zynismus, hinbiegen, wollten doch diese CDU-Abweichler klammheimlich eine Neuwahl erreichen, um die Ausgangslage für die Union zu verbessern. 

Nun ja, ähnlich wie in Sachsen-Anhalt, wo es plausibel erscheint, dass die vier zusätzlichen Stimmen für den AfD-Landtagspräsidenten Tobias Rausch aus der CDU kommen, würden die meisten Kommentatoren bei einer misslungenen Wahl des Regierenden Bürgermeisters aus der CDU es für plausibel halten, dass die Abweichler von den Grünen kämen, weil ja vier Grünen-Abgeordnete Mitglied der Grünen Jugend sind, die bekanntlich von Bündnissen mit der Union nicht so angetan ist. 

Tatsächlich sind in Berlin rot-grün-rote Koalitionsverhandlungen in Sicht. Dazu möchte ich aus einem interessanten Interview mit Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, das die Springer-Zeitung WELT mit ihm führte, zwei Überlegungen wiedergeben. Er erklärte zur Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen, sie stünde vor dem Problem, dass die CDU als stärkste Kraft in dieser Koalition den Regierenden Bürgermeister stellen würde, obwohl sie einer deutlich größeren linken Mehrheit innerhalb dieses Bündnisses gegenüberstünde. Das mache diese Konstruktion politisch komplizierter. Nolte sagte auch, man könne argumentieren: Lassen wir doch mal eine linke Regierung regieren. Bewähre sie sich nicht, schlage das Pendel anschließend in die andere Richtung aus. Er, Nolte, sei ein Fan dieser Pendelschlag-Theorie. Das sei eigentlich gut für die Demokratie.