Die 90-jährige Henriette Kretz, die als 9-Jährige die Ermordung ihrer Eltern erleben musste, hat wohl zweifellos vor den Schülerinnen und Schülern der beiden Neuwieder Gymnasien einen mitnehmenden und schockierenden Bericht über ihre Verfolgung durch die Nazis agegeben. Es ist schwer nachvollziehbar, was sich angesichts dieser Schandtaten der Nazis in der Seele von Henriette Kretz abgespielt hat. Aber es war wohl verheerend. Den Initiatoren des Neuwieder Vortrags von ihr muss man den Dank aller Demokratinnen und Demokraten in der Deichstadt aussprechen.
Es fällt schwer in Worte zu fassen, wie bewegt die Oberstufenschülerinnen und Schüler des Werner-Heisenberg- und Rhein-Wied-Gymnasiums angesichts dieses Horrors waren. Und es ist richtig, dass es nie wieder sein darf, dass Nazis in die Lage versetzt werden, Menschen zu demütigen, zu quälen und zu ermorden. Deshalb ist es ein Dienst an der Demokratie in diesem Lande, wenn Holocaust-Überlebende wie jetzt eben wieder in Neuwied von Trägerinnen und Trägern der Bildung zu derartigen Veranstaltungen eingeladen werden. Denn die Zeit schwindet und es wird nicht mehr lange dauern, wie lange gequälte Menschen noch persönlich über ihr Leid, das sie durch die Nazis erfuhren, berichten können.
Gerade in Zeiten, in denen unsere Demokratie von Rechtsextremen so bedroht ist wie heute und in der Vertreter der rechten Szene von der angeblichen Notwendigkeit einer sogenannten erinnerungspolitischen Wende schwadronieren, ist es geradezu existentiell für den Bestand unseres Rechtsstaates, dass im Rahmen von Geschichte und politischer Bildung jungen Menschen das Grauen eines totalitären Staates, wie wir ihn in Deutschland erlebt haben, nahegebracht und vermittelt wird. Der Leiterin der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte, Valérie Jülich-Albeck, ist besonders dafür zu danken, dass sie den Kontakt zu Henriette Kretz vermittelte.
Eben weil diese Generation die letzte sein wird, die aus dem Munde Betroffener noch erfahren kann, wie das Grauen, das durch die Nazis verursacht wurde, sich anfühlte, ist es bitter notwendig, gerade bei jungen Menschen auch eine emotionale Bindung an die Werte von Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit herzustellen und damit auch das Wiederentstehen rechter totalitärer Strömungen hierzulande zu verhindern. Hass, Hetze und Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus dürfen niemals wieder in Deutschland eine Chance haben.